Ziegen, die auf Bäumen stehen – Eine Reise nach Marokko
Die ersten kalten Winternächte haben in mir das Fernweh geweckt. Und so tausche ich für eine Woche mein Leben im Okzident gegen den Orient. Zusammen mit meiner Freundin Luise bin ich in die kleine marokkanische Hafenstadt Essaouira gereist.
Wir fliegen nach Agadir und springen in das Taxi nach Essaouira. Die Fahrt soll 1 ½ Stunden dauern.
Doch schnell stellt sich heraus, dass in Marokko das Sprichwort „der Weg ist das Ziel” tatsächlich Sinn macht. Unsere Taxifahrt wird zu einem ganz besonderen Erlebnis. Kaum haben wir Agadir verlassen und ein paar Kilometer auf der gewundenen Landstraße zurückgelegt, traue ich meinen Augen nicht!
Sehe ich eine Fata Morgana oder stehen in den Bäumen am Straßenrand tatsächlich Ziegen? Unser Taxifahrer hält lachend an und ich zähle bis zu zehn Ziegen in einem Baum. Was treibt die Tiere nur dort hinauf? Die Antwort ist einfach: ihre Leckermäulchen.
Die Ziegen stehen in den Arganien, auch Ziegenbäume genannt. Die Arganie gehört zu den ältesten Bäumen der Menschheit. Sie existiert seit 65 Millionen Jahren. Allerdings wächst sie nur in der Region zwischen Essaouira und Agadir, zwischen dem Atlantik im Westen und dem Atlasgebirge im Osten.
Doch nicht nur bei Ziegen sind diese Bäume sehr beliebt, in Marokko ist das, aus den Früchten des Baumes gewonnene, Arganöl ein fester Bestandteil der Küche. In den letzten Jahren sind amerikanische und europäische Forscher auf dieses Öl aufmerksam geworden. Reich an Vitamin E eignet es sich herrvoragend als Wirkstoff in kosmetischen Produkten.
Beeindruckt fahren wir weiter, noch ca. eine Stunde bis Essaouira … denken wir. Doch Marokko wäre nicht Marokko, wenn wir ohne weitere Abenteuer an unserem Ziel ankommen würden. Seit einiger Zeit überholen wir Esel und ihre Reiter, mal alleine, mal zu zweit, mal in kleinen Grüppchen . Alle scheinen sie in dieselbe Richtung zu laufen. Kurzerhand hängen wir uns an ihre Hufen. Die Vierbeiner führen uns zu einem Eselparkplatz! An die 300 Esel stehen hier, fressen ihr Heu oder schicken ihre lang gezogenen Rufe über den Parkplatz.
Ihre Besitzer kaufen derweil auf dem wöchentlichen Markt ( Suk ) ein.
Die Sonne steht mittlerweile schon tief am Himmel und die Zeit drängt, wir wollen Essaouira noch vor der Dunkelheit erreichen. Wir trennen uns von den Eseln und kurze Zeit später sehen wir aus der Ferne die weiß-blaue Stadt. Das wilde Meer treibt Gischt über die Mauern und die untergehende Sonne taucht die weißen Häuser in silbriges Licht.
Kaum haben wir die Stadtmauern durchschritten und die Altstadt ( Medina ) betreten, geht das Abenteuer weiter. Wir tauchen ein in die farbige Welt des Orients. Auf dem Weg durch die engen Gassen , zu unserer Unterkunft kommen wir an Teppichhändlern vorbei, passieren Stände, an denen Schneckensuppe verkauft wird, sehen Schlangenbeschwörer und atmen den Geruch von frischer Minze, Orangen und Zimt ein.
Ganz wirr im Kopf von den vielen Eindrücken der letzten Stunden, erreichen wir unser Riad . Riads sind traditionelle marokkanische Häuser, die heute oft als Hotels oder Hostels genutzt werden. Von außen wirken sie unscheinbar, auf Westler fast feindselig, denn sie haben keine Fenster. Die geschlossene Fassade schützt vor der Hitze und neugierigen Blicken. Von innen sind sie helle, grüne Oasen. Alle Zimmer öffnen sich zu einem Innenhof. Die meisten Riads haben eine Dachterrasse, so auch unseres. Von hier aus genießen wir den Sonnenuntergang und trinken frischen, süßen Minztee. Wir sind gespannt, was wir in den nächsten Tagen erleben werden. Eins ist sicher, langweilig wird es in Marokko nie.