Interview mit Herrn Andreas Knigge

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Das Goethe-Institut beteiligt sich zum ersten Mal an der Comica, Londons internationalem Comic Festival. Das Institut präsentiert eine Reihe von Interviews und Vorträgen mit deutschen und britischen Comic Experten Ich sitze hier mit einem deutschen Expert, Herrn Andreas Knigge. Auf Deutsch: Guten Abend AD: Können Sie sich ein bisschen vorstellen für uns? AK: Ja, also... das haben Sie eigentlich schon getan. Andreas Knigge ist mein Name, darüber hinaus liebe ich Comics. Ich beschäftige mich schon seit langem mit Comics. Ich habe wie jeder als Kind Comics gelesen und habe schnell festgestellt dass es bessere Comics und weniger gute Comics gibt. Und das hat mich interessiert. Und dann bin ich auf die Suche gegangen. Viele von den guten Sachen sind damals noch nicht in deutscher Übersetzung erschienen, und das habe ich mir so ein bisschen zur Aufgabe gemacht. Ich habe also für ein Verlag lange gearbeitet und das Comicprogramm gemacht. Ich habe Bücher über Comics geschrieben, schreibe für Zeitungen über Comics. Also ich habe so ein bisschen das Hobby zu meinem Beruf gemacht. AD: Sie haben gesagt dass, viele von den Comics nicht auf Deutsch verfügbar waren. In welchen Sprachen waren sie? AK: Das waren meistens Französisch. Viel natürlich auch aus dem Amerikanischen. AD: Natürlich sind Comics eine Mischung aus Bildern und Texten. Glauben Sie, dass es einfacher ist, eine neue Sprache zu lernen, n dem man Comics liest? AK: Ja, ich denke schon. Wenn man eine Hilfe hat und nicht allein einen Inhalt über die Sprache verstehen muss, dann hilft das natürlich. Man kann das zum Beispiel auch sehen beim Fernsehen. In Deutschland zum Beispiel, werden alle Filme synchronisiert. Und ich finde das wirklich sehr schade. Wenn ich in Spanien bin oder in Italien bin, dann hat man die Untertitel in der jeweiligen Sprache hört einmal die Sachen im Original und B lernt man einfach auch die Sprache des Originals. Und das funktioniert bei Comics natürlich genauso. Die Bilder erzählen viel von der Geschichte und dadürch kann ich mir die Sprache erschliessen stoße natürlich immer wieder auf gleiche Wörte und ähnliches und das kann sehr hilfreich sein. AD: Als Sie kind waren, was waren Ihre Lieblingscomics? AK: Oh, ich habe sehr viele... also ich hab’ mich überhaupt nicht interessiert für Superhelden. Und mich haben sehr interessiert Comics die aus Frankreich und Belgien kamen, Asterix, Lucky Luke und ähnliche Sachen. Spannende Comics, lustige Comics, das hat sich natürlich so im Laufe der Jahre ein bisschen geändert. Ich bin heute keine zwölf oder sechzehn mehr und dadurch ändern sich natürlich auch die Interessen. Und ich finde es sehr spannend, dass das auch im Comicbereich der Fall ist, das also nicht nur einfach Abenteuer oder lustige Geschichte erzählt werden, sondern dass man auch durch Comics durchaus sehr viel begreifen kann. Denn wenn man zum Beispiel eine Geschichte in einem anderen Land spielen lässt. Wenn ich dort hinreise, dann ist das sehr begrenzt, was ich erfahren kann. Ich hab’ einen Reiseführer ich kann nur das sehen, was ich sehe. In Comics kann man sehr viel an Stimmungen und Gefühlen und kleinen Dingen präsentieren und durch das Bild eben auch zeigen. Und das finde ich sehr sehr interessant. Sie haben die deutsche Fassung des Buches 1001 Comics die man lesen sollte bevor das Leben vorbei ist, übersetzt. Was können Sie uns davon erzählen? AK: Es ist ein... muss ich einfach sagen, ein tolles Buch. 1001 Comics, das sind viele Comics. Wenn man... ich habe das kurz im Vorwort geschrieben von der deutschen Ausgabe: Wenn man ein Comic, eines von diesen Comics am Tag liest, hat man drei Jahre zu tun. Liest man eins in der Woche nur, ist man zwanzig Jahre beschäftigt. Das heisst es ist wahnsinnig viel drin in diesem Buch. Es gibt einen schönen Überblick, der historisch aufgebaut ist, das heisst er fängt am Anfang an und geht also schrittweise bis heute. Und natürlich bei Büchern die heissen 50 Klassiker oder 1001 Comics, geht man immer hin, das ist immer das gleiche Spiel und sagt “Was fehlt? Was kenn’ ich jetzt, was besonders interessant ist und was der Autor oder der Herausgeber vergessen hat?” Natürlich kann man immer irgendwie noch was ergänzen, selbstverstandlich aber ich muss sagen, ich war sehr interessant. Ich fand das sehr Interssant. Ich habe natürlich auch noch ein paar Spezialitäten gesucht, die mir am Herzen liegen. Das sind relativ unbekannte Sachen, die mir dann vielleicht mal in Italien aufgefallen sind oder die vor zwanzig Jahren in Schweden erschienen sind, aber wichtig waren. Die man jetzt heute nicht mehr so unbedingt kennt, aber die ich wichtig finde. Und genau mit diesem Blick hab' ich natürlich geguckt. Also kennt der Herausgeber die? Und ich sage mal, ich bin in neuneinhalb von zehn Fällen, bin ich fündig geworden. Also das fand ich, finde ich, ein grosses Kompliment für den Herausgeber. Was sind die Unterschiede zwischen Comics in verschiedenen Ländern? Die Amerikaner, in Amerika lesen am liebsten Superhelden Comics. Das ist da ein Thema was ganz gross ist. In Europa sind es eigentlich eher so Geschichten wie Tim und Struppi, beispielsweise, die von Abenteuern erzählen, aber auch so mit ein bisschen Sinn für Humor. Dann gibt es natürlich in Japan die Mangas, wo sehr viel, um ein junges Publikum gibt auch Junge und Mädchen, wie sie sich kennen lernen, was in Beziehung passiert. Das sind so eigentlich die Thematisch grossten Unterschiede. AD: Was ist an Mangas und Graphischenovels unterschiedlich? AK: Also, es können natürlich Mangas Graphic Novels sein, und Graphic Novels können Mangas sein. Also dieser Begriff Graphic Novel bezeichnet so ein bisschen dass es ein Comic ist der nicht alleine jetzt der Unterhaltung dient. Natürlich soll er mich Unterhaltung wenn ich was lese, wenn ich ein Roman lese will ich natürlich unterhalten sein. Aber es ist dann die Frage, muss es damit Enden dass der Gute den Schurken bekommt und kriegt? Das ist ein bisschen wenig für eine Graphic Novel, also die Autoren von Graphic Novels, die erzählen Teilweise von sich selbst, von ihren eigenen Erfahrungen. Sie erzählen über politische Situationen. Sie erzählen, sie machen Reiseberichte aus änderen Ländern. Also, dass man eben nicht nur die Unterhaltung hat, sondern auch noch wirklich ein Einblick bekommt in andere Kulturen oder Zusammenhänge oder Zeiten. AD: Nicht nur Phantasie, sondern auch Information.
AK: Genau. Genau. AD: In den letzten Jahren hat sich die Comicszene entwickelt... wie hat sich die Comicszene entwickelt in den letzten Jahren? AK: Das ist ganz interessant. Also, der Comic ist ja eine Erzählform, ich sage mal wie es der Roman ist, oder wie es der Film ist. Also was der Comic in erste Linie tut, ist er erzählt eine Geschichte. Das kann er in tollen Bildern tun oder in weniger tollen Bildern, aber im Vordergrund steht die Geschichte. Das ist das Wichtigste. Und das Interessante ist, das hundert Jahre lang Comics eigentlich nur so als Kinderlektüre galten. Also man war irgendwann einfach zu alt dazu, hat beschlossen ich beschäftige mich mit den vernünftigen und mit den ernsthaften Dingen des Lebens. Und hat dann das Comiclesen sein gelassen. Und das ist das was in den letzten Jahren passiert ist, mit den Graphic Novels. Dass plötzlich ein ganz anderes Publikum, eben auch Erwachsene, den Comic entdecken als eine Erzählform, und der Comic hat sich in Grunde nicht geändert. Den Comic gibt es seit 150 Jahren etwa. Aber man hat ihn einfach nicht... man hat das was der Comic leisten kann und bieten kann, hat man nicht wirklich genutzt. Und das kommt jetzt eher. Und das ist ein ganz interessantes Phänomen.
 AD: Was ist mit neuen digitalen Medien? Hat das einen Einfluss auf Comics? AK: Das hat natürlich einen Einfluss. Also früher musste man, wenn man ein Comic gemacht hat, zu einem Verlag gehen. der musste den Comic drucken und vertreiben und dann hat man Geld bekommen. Heute kann jeder im Internet einfach selber seine Comics veröffentlichen. Natürlich hat das auch Auswirkung auf die Formen wo man noch gar nicht genau sagen kann, was wird dann in nächsten Jahren passieren. Beim klassischen Comic ist es ja so, man hat die Seiten und muss die Seiten umblättern. Das ist das einzige interaktive was man beim Comic machen kann. Man kann natürlich digital sehr viel mehr machen. Man braucht eigentlich die Seite gar nicht. Man kann eine endlose Seite haben und von Oben nach Unten scrollen. Man kann sich Bilder auch bewegen lassen oder teilweise bewegen lassen. Man kann mit Geräuschen arbeiten. Also das ist ganz interessant was es da für Möglichkeiten gibt und ich glaube das wird sehr spanndend sich das in den nächsten Jahren anzugucken. AD: Sie haben selbst ihre eigenen Comics geschrieben. Was war ihre Einflüsse dafür? AK: Ich glaube mich haben Themen einfach interressiert. Also, gar nicht so sehr Einflüsse, dass ich gesagt habe, ich möchte sowas machen wie jemand anders, oder... sondern mich haben Themen interessiert und ich habe mir gesagt ‘zu diesen Themen möchte ich  einen Comic machen’. Und es ist natürlich immer so die Frage, ich bin der Autor gewesen, das heisst, ich habe geschrieben, zeichnen kann ich nicht, und habe dann eben mit Zeichnern oder Zeichnerinnen zusammen gearbeitet. Und das war ein sehr spannender Prozess. Weil man selber stellt sich natürlich immer so ein bisschen vor wie sieht das aus, und dann geht der Zeichner an die Arbeit und setzt das Zeichnerisch um. Und dann sieht man das auf Einmal, hat man sich das ganz anders vorgestellt und gibt es Momente wo man vielleicht mal auch enttäuscht ist und sagt, 'das hab' ich anders gedacht' aber ich würde sagen in 99% der Fälle war ich immer ganz Positiv Überrascht, weil natürlich ein Zeichner eine ganz andere visuelle Vorstellungskraft hat als ich und der Comic ist ein visuelles Medium und darum geht es um die Zeichnung. Wie sehen die aus? Wie gut sind die gemacht? AD: Was sind die wichtigsten deutsche Comics die man unbedingt lesen soll? AK: Oh... es gibt natürlich eine ganze Reihe von Zeichnern. Ich finde es immer sehr schwerig, weil jeder seine eigene Stärken hat. Und man kann das nicht unbedingt immer vergleichen. Also ein Autor den ich wahnsinnig toll finde, also Autor und Zeichner, ist Ralf König. Weil dessen Comics sind unglaublich witzig und sind vor allen Dingen auch klug. Also er hat sich viel, seine Figuren sind oft Schwule. Er hat sich in den letzten Jahren viel mit der Kirche und mit der Religion beschäftigt. Und das sind also Comics, man lacht sich schief wenn man das liest. Aber es passiert im Kopf noch ein bisschen mehr. Also, man versteht ein bisschen Zusammenhänge und hat ein anderen Blick. Also das sind eigentlich Comics die ich sehr toll finde. Dann gibt es einen Zeichner, Matthias Schultheiss, der früher Abenteuercomics gezeichnet hat und jetzt gerade ein ganz tolles Buch gemacht hat Eine Reise mit Bill - wo er ein bisschen autobiographisch sein Verhältnis zu seiner Tochter beschreibt und die beiden reisen zusammen über das Land und haben eine Menge verrückter Erlebnisse. Also das sind einfach zwei Sachen die ich jetzt mal so spontan rausstellen würde. AD: Vielen Dank. Ich glaube dass wir jetzt genug haben. Vielen Dank für Ihre Zeit.

Dieses Jahr beteiligt sich das Goethe-Institut an der Comica , Londons internationalem Comic Festival. Wir führten ein kurzes Gespräch mit Herrn Andreas Knigge – Autor, Lektor und Comic-Journalist.