Die Sehnsucht nach der guten alten Zeit
Höher, schneller, weiter. Das scheint seit langem das Motto der aktuellen Hollywood-Filmproduktionen zu sein. Auf den ersten Blick war es deshalb eine kleine Überraschung, dass im Zeitalter der 3D-Filme ausgerechnet ein Stummfilm bei der diesjährigen Oscar-Verleihung den Preis für den besten Film gewann. The Artist von Regisseur Michel Hazanavicius (Oscar für die beste Regie) erzählt die Geschichte des Stummfilmstars George Valentin (Jean Dujardin, Oscar für die beste männliche Hauptrolle), der nach großen Erfolgen in eine tiefe Krise stürzt. Mit den Zwanziger Jahren endet auch die Zeit des Stummfilms, eine neue Technik tritt ihren Siegeszug an: Die Ära des Tonfilms beginnt.
In einem Jahr, in dem George Lucas die erste Episode seiner Star Wars -Saga in 3D wieder in die Kinos bringt, in dem Spiderman wieder durch Manhattan klettern darf, in dem mit Dark Knight Rises Christopher Nolans Batman -Trilogie zu einem Ende kommt und in dem mit The Hobbit die Vorgeschichte des Herrn der Ringe erzählt wird, gewinnt also ein stummer Schwarz-Weiß-Film den wichtigsten Preis der Filmindustrie?
So überraschend ist das eigentlich nicht. Die amerikanische Filmindustrie steckt seit Jahren in der Krise. Geld findet sich häufig nur noch für sichere Geschäfte wie die oben genannten Filme. Mit dem französischen Film The Artist träumt sich Hollywood zurück in die gute alte Zeit der Traumwerkstatt.
Und die Musikindustrie träumt mit . Lana del Rey, der große musikalische Shooting Star der vergangenen Wochen, beschwört ebenfalls den Geist der goldenen Zeiten Hollywoods. In ihren Songs erzählt Lana del Rey eine alte Geschichte: Mädchen trifft Junge. Das hat in der Popmusik eine lange und erfolgreiche Tradition. Und auch in Hollywood. Mal erscheint Lana del Rey in ihren Songs als verführerische Femme fatale aus einem Film Noir, mal besingt sie einen jungen Mann in Jeans und weißem T-Shirt, der „so James Dean war“. Und immer wieder diese Geigen, die auch ein kitschiges Hollywood-Melodram untermalen könnten. Auch wenn viele Songs ihres Albums nach Pop auf der Höhe der Zeit klingen, steckt in ihnen doch eine schwermütige Nostalgie, eine Sehnsucht nach einer längst vergangenen Zeit.
Vielleicht hat Lana del Rey – wie der deutsche Journalist Jens-Christian Rabe in seiner Kritik zu Born To Die (2012) in der Süddeutschen Zeitung schrieb – wirklich die Weltformel des Pops entdeckt, schließlich lebte die Pop-Musik schon immer von Zitaten vergangener Zeiten. Tatsache ist aber, dass sich Musik- und Filmindustrie und damit die Popkultur in Zeiten globaler Unsicherheit statt in die Zukunft zu blicken nach den vermeintlich besseren good old days , der guten alten Zeit, sehnen. Und damit auch erfolgreich sind. Was sagt das über uns, die begeisterten Zuhörer und Zuschauer?