„We are the 99%!“ – Die deutsche Occupy-Bewegung
Ein kalter Wintermorgen in Frankfurt am Main, eisiger Wind weht zwischen den Hochhäusern . Hohe Wolkenkratzer sind ein seltener Anblick in deutschen Städten. Auch deshalb ist Frankfurt eine Besonderheit . Die Stadt am Ufer des Flusses Main ist das Finanzzentrum Deutschlands. Was die City of London für die Engländer ist, sind für die Deutschen diese Hochhäuser im Zentrum Frankfurts. Nebenan sitzt die Deutsche Börse, in den Hochhäusern befinden sich die Zentralen vieler Banken. Und zwischen ihnen liegt das größte Camp der deutschen Occupy -Bewegung.
Seit dem 15. Oktober 2011 besetzen Demonstranten einen kleinen Park vor dem Eurotower, dem Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB). Unter dem großen Euro-Zeichen, dem Symbol der gemeinsamen Währung des Kontinents , haben sie ihre Zelte aufgebaut. Vorbild der deutschen Demonstranten ist die Bewegung Occupy Wall Street . Und wie die amerikanischen Demonstranten im Finanzzentrum New Yorks protestieren sie gegen soziale Ungerechtigkeit.
Auf der ganzen Welt gingen Menschen 2011 unter dem Motto „We are the 99%!“ auf die Straße, um ihre Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Zuständen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kund zu tun. Sie protestierten dagegen, dass die Entscheidungen einiger weniger Privilegierter das Leben von so vielen anderen Menschen bestimmen. In Deutschland entstanden mehrere Zelt-Camps, die beiden wichtigsten waren das von Occupy Frankfurt und das von Occupy Berlin , in der Nähe des Regierungsviertels in der deutschen Hauptstadt.
Zu Beginn fanden diese Proteste auch in Deutschland einen großen Anklang in Bevölkerung und Medien. Doch dann kamen der Winter und die Kälte. Aus den deutschen Medien ist das Thema Occupy in den ersten Monaten des Jahres 2012 fast vollkommen verschwunden. Das Interesse der breiten Öffentlichkeit hat nachgelassen . Am 9. Januar räumte die Polizei das Camp von Occupy Berlin . Die letzten Demonstranten verließen friedlich das Gelände. Schon vor Weihnachten war das Gas zum Heizen knapp geworden, Strom gab es auch nicht. Ronny, ein junger Demonstrant, erzählt : „Mein iPhone musste ich zum Aufladen den Arbeitern auf der Baustelle nebenan geben.“ Ohne gemeinsames Camp fällt es den Anhängern von Occupy Berlin nun schwer , sich regelmäßig zu einer großen Versammlung mit vielen Menschen zu treffen.
In Frankfurt ist das anders. Dort hat man sich mit Isolationsmaterial, Heizöfen, vielen Decken und Schlafsäcken gegen die Kälte des Winters gerüstet. Es herrscht auch an kalten Wintermorgenden ein reges Treiben zwischen den Zelten von Occupy Frankfurt . Die Menschen im Camp haben sich in Arbeitsgruppen aufgeteilt. Die einen sind für das Essen zuständig , die anderen kümmern sich um die Stromversorgung im Camp. Wieder andere arbeiten in kleinen Gruppen an Vorschlägen für ein neues, gerechteres Finanzsystem.
Der Winter ist noch lang. Die Camps von Occupy Wall Street und Occupy Berlin gibt es nicht mehr. Auch den Demonstranten von Occupy London vor der St. Paul’s Cathedral droht die Räumung. Im Schatten der EZB stehen noch immer die Zelte von Occupy Frankfurt , die Menschen dort demonstrieren für eine bessere Zukunft. Sie ist ungewiss.