Jugendporträt – Solange

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Ich gehe sehr viel joggen. So um 6 Uhr. Um den Kopf frei zu kriegen und der Stadt beim Aufstehen zuzusehen. Die Müllabfuhr, die die Spuren der letzten Nacht wegräumt. Vorbei am Bäcker, wo man den Geruch von frischen Schrippen aufnehmen kann. Paare, die sich in Clubs gesucht und gefunden haben. Und dann diese unverbrauchte, frische Luft. Ich endecke die Stadt immer wieder für mich neu. Deshalb laufe ich auch einmal andere Wege. Geboren und aufgewachsen bin ich in Berlin. Meine Oma sagt immer, "einmal Berliner, immer Berliner". Und damit hat sie total Recht. Hallo. Ich bin Solange, bin 20 Jahre alt und Hip-Hop ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Eines Tages bekam ich einen Flyer in die Hand gedrückt für die Bühnenkunstschule Academy. Ich bewarb mich damals für die Kategorie 'Tanzen' und wurde angenommen. Aus dem ruhigen Mädchen, was ich damals war, das in sich gekehrt war und sehr ruhig und mit sich beschäftigt, wurde nun dieses selbstbewusste Mädchen, was vor Euch sitzt. Auch innerhalb der Bühnenkunstschule gab es Workshops. Ich bewarb mich damals für Rap. Und seit diesem Zeitpunkt rappe ich und schreibe Poetryslams. Ich bewege mich in einem ermüdenden Alltag, es ist nicht gerade so als ob ich die Wahl hab'. Ich muss ticken wie ein Teilchen im System, kann mich nicht dagegen auflehnen. Inspiration finde ich in den kleinen Dingen des Alltags. So hab' ich einmal ein Herbstgedicht angefangen, als ich mit der U1 an der Prinzenstraße stand und eine einsame Frau im Park gesehen hab'. Um sie herum fielen die Blätter von den Bäumen, und für mich war das einfach nur ein episches Bild. Ich möchte den Menschen mit meinen Texten wahrscheinlich vieles vermitteln. Aber das wichtigste ist, dass man mit sich selbst im Reinen ist. Denn nur wenn man mit sich selbst eins ist, kann man auch mit anderen eins werden. Deshalb hatte ich wahrscheinlich auch noch keine richtige Beziehung. Denn wieso sollte ich jemanden in mein Leben lassen, der selbst Probleme hat. Und dazu noch mit meinen klar kommen muss? Es bedeutet mir viel, meine Kreativität so ausleben zu können. Wenn man bedenkt, dass in anderen Ländern Kunst zensiert oder zerstört wird. Und wieso? Weil man Menschen mobilisieren und zum Denken anregen kann. Genau deshalb zieht es mich auf die Bühne. Tanz und Rap bedeuten mir sehr viel, denn sie sind eine wichtige Form, mich auszudrücken. Rap, wenn meine Gedanken so aus mir sprudeln, und Tanz wenn diese aufhören.

Solange ist 20, eine richtige Berlinerin und wirkt nicht wie das typische Mädchen. Vor einigen Jahren entdeckte sie ihr künstlerisches Talent in einem Tanz-Theater-Workshop eines Jugendzentrums in Kreuzberg. In der Musik, im Singen und Tanzen fand sie ein Outlet für all ihre Emotionen. Auf der Bühne zu stehen sei für sie eines der schönsten Gefühle der Welt. Seit ein paar Jahren rappt und singt sie auch und hatte kurze Zeit lang sogar eine Band.

Wie stellt sie sich ihre Zukunft vor? Soll sie ihrer Leidenschaft folgen und künstlerisch arbeiten? Wäre es nicht sicherer, einen geordneteres Leben zu führen und lieber Geschichte und Philosophie zu studieren? Bleibt sie in Berlin, ihrer geliebten Heimatstadt oder zieht es sie doch in die große weite Welt?

Gefilmt von Oddiseefilms