Jugendporträt – Alaa

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Vor dem Krieg war ich immer mit meinen Freunden und meiner Familie zusammen. Aber jedes Mal wenn wir uns verabschiedet haben, wussten wir nicht, ob wir uns nochmal wiedersehen. Bei einem Bombenangriff wurde meine Schule zerstört. Mein Vater wollte nicht weiter für das Assad-Regime arbeiten und unsere ganze Familie musste sich verstecken, alle zusammen in einem kleinen Haus. Ich konnte meine Freunde nicht mehr treffen und nicht mehr in die Schule gehen. Ich entschied mich, mit meinem Bruder nach Deutschland zu fliehen. Zuerst fuhren wir von Syrien nach Beirut. Von dort flogen wir in die Türkei. Wir entschieden uns es mit einem Boot nach Italien zu versuchen. Wir mussten wochenlang auf die Abreise warten. Schließlich fuhren wir mit einem kleinen Boot 4 Stunden lang aufs Meer hinaus. Dann kam ein größeres Boot, auf das wir umsteigen sollten. Weil die Wellen so hoch waren, konnten nicht alle Leute auf das andere Boot springen. Aber wir haben es geschafft. Dann sind wir eine ganze Woche über das Meer gefahren. Ich hatte große Angst, dass ich andere Menschen ertrinken sehen müsste, vor allem meinen Bruder. Aber ich wusste irgendwie, dass wir es schaffen würden. Alles was ich in Syrien erlebt habe, war viel schlimmer als diese Fahrt auf dem Boot. Ich hatte nichts zu verlieren. Manchmal war die See sehr wild. Alle hatten ihre Schwimmwesten an, aber ich habe sie nie angezogen. Ich dachte, wenn ich ins Meer falle, sterbe ich sowieso. Als wir nach sieben Tagen von Bord gingen, konnte niemand mehr gerade gehen. Alle sind geschwankt. In Italien wurden wir erst mal von der Polizei festgehalten und registriert. Dann sind wir weiter nach Deutschland gefahren, mit einem Taxi von Schmugglern. Als ich in Berlin ankam, war ich total müde, aber ich hatte auch immer ein schönes Gefühl. Jetzt habe ich ein neues Leben, und von Tag zu Tag wird alles klarer. Meine Eltern und meine drei kleinen Brüder sind in der Türkei. Wir telefonieren oft und schreiben uns Nachrichten. Ich vermisse sie sehr, aber sie wollen nicht nach Deutschland kommen. Die Tage hier scheinen viel schneller zu vergehen als in Syrien. Der Rhythmus der Stadt hier ist schneller. Alle haben viele Termine. Hier in Deutschland ist alles so organisiert und ich fühle mich sicher. Wenn du die Regeln und das Gesetz beachtest, kann dir eigentlich nicht viel passieren. Ich bin sehr dankbar dafür, dass die Deutschen uns helfen und unterstützen. Ich möchte weiter Deutsch lernen, damit ich später studieren kann, und damit ich mich besser mit den Leuten hier unterhalten kann. Am meisten vermisse ich es, einfach meine Freunde anzurufen und einfach so mit ihnen abzuhängen und meine Verwandten zu treffen. Ob ich nach Syrien zurück gehen will, weiß ich nicht. Dort ist nichts mehr, wie es war. Irgendwann möchte ich gerne in einer richtigen Wohnung leben, eine Freundin haben und eine Familie gründen. Ich habe Geduld, denn ich weiß, dass alles seine Zeit braucht.

Alaa ist 19 Jahre alt und vor zehn Monaten aus Syrien nach Deutschland geflohen. Zusammen mit seinem Bruder entschied er sich, eine Bootsüberfahrt von Mersin in der Türkei bis nach Italien auf sich zu nehmen, um dem alltäglichen Grauen in seiner Heimat zu entkommen. Obwohl diese Mittelmeerroute eine der gefährlichsten nach Europa ist, hatten sie Glück und sind wohlbehalten an Land gekommen.

Momentan lebt Alaa in einem Flüchtlingsheim am Rande Berlins. Von dort aus fährt er jeden Tag in die Innenstadt, um an einer Sprachschule Deutsch zu lernen. Er ist oft in Berlin unterwegs, um die Stadt für sich zu erkunden. Alleine oder mit Freunden unternimmt er Ausflüge an zentrale Plätze wie den Alexanderplatz oder hinaus ins Grüne an einen der zahlreichen Berliner Seen.

Alaa ist sehr froh darüber, dass er es nach Deutschland geschafft hat. Er hat bereits viele neue Freunde gefunden. Er möchte weiter Deutsch lernen und seinen Schulabschluss nachholen, um möglichst bald eine Ausbildung oder ein Studium beginnen zu können.